Silber ringt um Stabilität: Warum die 60-Dollar-Zone jetzt zählt

Zinspolitik bremst den Markt
Nach einer breiten Erholung im Frühjahr stieg Silber zunächst bis auf 89,36 US-Dollar. Danach geriet der Preis laut Grummes wieder unter Druck. Ein Tief bei 61,50 US-Dollar löste zwar eine Gegenbewegung bis 71,55 US-Dollar aus, doch diese hielt nur kurz. Nach der jüngsten Zinsentscheidung fiel Silber erneut und erreichte 63,28 US-Dollar. Damit ging ein großer Teil der Erholung wieder verloren. Seit Jahresbeginn liegt Silber rund 10 Prozent im Minus. Fed Chair Kevin Warsh ließ die Leitzinsen unverändert, stellte aber die hohe Inflation in den Vordergrund. Grummes verweist darauf, dass mehrere Fed-Entscheider im laufenden Jahr eine Zinserhöhung für möglich hielten. Für Silber wäre das Gegenwind, weil höhere Renditen bei Staatsanleihen und ein stärkerer Dollar den Vorteil eines unverzinsten Rohstoffs verringerten.

Warsh verändert die Erwartungen
Grummes sieht im Wechsel an der Spitze der Fed einen wichtigen Unsicherheitsfaktor. Märkte müssen nach einem solchen Wechsel erst einschätzen, wie die neue Führung auf Inflation, Wachstum und Krisen reagiert. Besonders die Kommunikation hat sich verändert. Die bisherige Vorab-Einordnung möglicher Zinsschritte fällt weitgehend weg. Warsh wolle die Inflationsbekämpfung stärker betonen. Viele Marktteilnehmer hätten das als Hinweis auf eine strengere Geldpolitik verstanden. Dadurch würden risikoreichere Anlagen vorsichtiger bewertet. Auch Aktienmärkte wie der S&P 500 (Standard and Poor's 500) gaben nach, weil höhere Zinsen Finanzierungen verteuern und künftige Gewinne rechnerisch weniger wertvoll machen können.
Industrie sendet Warnsignale
Neben der Geldpolitik schwächt sich nach Grummes auch das wirtschaftliche Umfeld ab. Daten aus Frachtverkehr und Lkw-Transporten deuteten darauf hin, dass die Industrie an Schwung verliert. Für Silber ist das wichtig, weil der Rohstoff nicht nur als Wertspeicher gilt, sondern auch in vielen technischen Bereichen gebraucht wird. Wenn Fabriken weniger produzieren, kann die reale Nachfrage nach Silber nachlassen. Das unterscheidet Silber von Gold. Gold wird stärker als sicherer Vermögenswert wahrgenommen, während Silber zusätzlich von der Industrie abhängt. Grummes erklärt damit, warum Silber in einem schwächeren Konjunkturumfeld anfälliger bleibt.
Gold stützt das Umfeld
Trotz der Belastungen bleibt Gold für Silber ein wichtiger Orientierungspunkt. Grummes verweist darauf, dass sich Gold nach der jüngsten Korrektur zunächst bis über 4.380 US-Dollar erholte, danach aber bis auf 4.121 US-Dollar zurückfiel. Die Nachfrage der Zentralbanken bleibe dennoch ein stützender Faktor für den Edelmetall-Markt.
Der Central Bank Gold Reserves Survey 2026 zeige, dass Notenbanken in den vergangenen vier Jahren im Schnitt 1.000 Tonnen Gold pro Jahr gekauft hätten. 89 Prozent der befragten Zentralbanken erwarteten steigende weltweite Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten. 74 Prozent rechneten mit sinkenden Dollar-Anteilen in den Reserven. Grummes sieht darin keinen direkten Treiber für Silber, aber einen indirekten Rückenwind. Wenn Edelmetalle als Schutz vor Krisen stärker gefragt seien, könne Silber als beweglicherer Begleiter des Goldmarkts profitieren.

Unterstützung bleibt entscheidend
Charttechnisch bewegen sich die Silberpreise laut Grummes seit dem ersten stärkeren Ausverkauf weitgehend seitwärts. Die tieferen Zwischenhochs zeigen aber, dass die Erholung bisher schwach bleibt. Im Bereich zwischen 61 und 64 US-Dollar konnte sich Silber mehrfach stabilisieren. Die jüngste Erholung von 61,50 auf 71,55 US-Dollar wurde jedoch schnell wieder abverkauft.
Silber liegt unter der 50-Tage-Linie bei 79,01 US-Dollar und unter der 200-Tage-Linie bei 68,24 US-Dollar. Diese Linien zeigen den durchschnittlichen Preis der vergangenen 50 beziehungsweise 200 Handelstage. Grummes sieht darin ein angeschlagenes Bild, aber noch keinen endgültigen Bruch. Die stark gefallene Markttechnik könne eine Bodenbildung begünstigen.
Nach Einschätzung von Grummes könnte Silber im Sommer wieder in Richtung der 50-Tage-Linie steigen, falls die Zone um 60 bis 61 US-Dollar halte. Würde Silber jedoch klar unter 60 US-Dollar fallen, könnte sich die Korrektur ausweiten. Dann wären nach Grummes auch Kurse deutlich unter 50 US-Dollar möglich. Entscheidend blieben die Fed-Politik, neue Konjunkturdaten und die geopolitische Lage.


