Der Goldpreis testet die Nerven: Was jetzt zählt

Gold testet wichtige Unterstützungen
Der Goldmarkt hat an Schwung verloren. Florian Grummes erklärt in seinem Marktbericht, der Goldpreis sei zweimal an der fallenden 50 Tage Linie gescheitert. Diese Linie zeigt, ob ein Markt kurzfristig eher steigt oder fällt. Bleibt der Kurs darunter, nimmt der Verkaufsdruck oft zu. Nach Angaben von Grummes fiel Gold bis zur 200 Tage Linie zurück. Diese Linie zeigt den längerfristigen Durchschnittskurs. Sie hilft einzuschätzen, ob der übergeordnete Trend stabil bleibt oder ob eine größere Schwächephase drohen könnte.
Grummes bewertet den Rückgang nicht als Bruch des langfristigen Bildes. Die Bewegung sei Teil einer seit Ende Januar laufenden Korrektur. Nach den starken Kursgewinnen könne eine solche Bereinigung gesund sein, sofern wichtige Unterstützungen halten würden.


Korrektur bleibt anspruchsvoll
Grummes beschreibt die aktuelle Phase als gesund, zugleich aber schwierig. Gold habe bereits deutlich nachgegeben, doch eine klare Bodenbildung sei noch nicht bestätigt. Technisch kann eine Korrektur Übertreibungen abbauen. Nach starken Aufwärtsbewegungen sind Rücksetzer häufig notwendig, damit neue Käufer einsteigen können. Grummes zufolge könne der Bereich zwischen 4.250 und 4.400 US Dollar wieder interessant werden. Dort sehe er mögliche Kaufzonen.
Gleichzeitig warnt der Technical Analyst vor weiteren Rücksetzern. Ein Test des unteren Bollinger Bandes auf Wochenbasis wäre aus seiner Sicht möglich. Bollinger Bänder zeigen, wie stark ein Kurs um seinen Durchschnitt schwankt. Wird das untere Band erreicht, kann der Markt stark gefallen sein. Eine sofortige Trendwende ist dadurch aber nicht sicher.
Silber und Nahost erhöhen den Druck
Silber bleibt laut Grummes der Schwachpunkt im Edelmetallsektor. Während Gold bereits die 200 Tage Linie erreicht habe, stehe dieser Test bei Silber noch aus. Dadurch bestehe dort weiterhin mehr Abwärtsrisiko. Das ist auch für Gold wichtig. Silber reagiert stärker auf Konjunktur, Industrieproduktion und Risikobereitschaft. Gerät Silber weiter unter Druck, könnte dies kurzfristig auch Gold belasten. Grummes weist zudem darauf hin, im Edelmetallsektor sei bisher keine echte Panik zu erkennen. Tragfähige Böden entstünden oft erst, wenn viele kurzfristige Marktteilnehmer ausgestiegen seien.
Neben der Charttechnik nennt Grummes den Nahostkonflikt als wichtigen Risikofaktor. Besonders die Straße von Hormus sei entscheidend, weil durch diese Meerenge große Mengen Öl und Gas transportiert werden. Störungen könnten Energiepreise schnell steigen lassen. Höhere Energiepreise könnten die Inflation verstärken und damit die Zinserwartungen verändern.
Zinsen und China prägen das Umfeld
Grummes erklärt, steigende Energiepreise könnten die Inflation erneut erhöhen. Inflation bedeutet, dass Waren und Dienstleistungen teurer werden und Geld an Kaufkraft verliert. Langfristig kann Gold davon profitieren, weil viele Marktteilnehmer das Metall als Schutz vor Kaufkraftverlust sehen. Kurzfristig sei die Lage komplizierter. Wenn Inflation steigt, könnten Notenbanken die Zinsen länger hoch halten oder anheben. Höhere Zinsen machen Anlagen mit laufenden Erträgen attraktiver. Gold zahlt keine Zinsen. Deshalb könnten steigende Realzinsen den Goldpreis belasten. Realzinsen sind Zinsen nach Abzug der Inflation.
Grummes verweist außerdem auf China. Die Bestände an US (United States) Staatsanleihen seien auf den niedrigsten Stand seit 2008 gefallen, während die offiziellen Goldreserven gestiegen seien. Der Analyst ordnet dies differenziert ein. Ein Teil des Rückgangs könne durch andere Verwahrstellen oder staatliche Banken erklärbar sein. Dennoch reduziert China schrittweise seine Abhängigkeit von Vermögenswerten, die politisch blockiert werden könnten. Gold habe keinen Schuldner und könne daher für Staaten strategische Freiheit sichern.

Grummes sieht ein zentrales Störfeuer an den Aktienmärkten. Besonders die Rallye bei KI (Künstliche Intelligenz) und Halbleitern sei stark überhitzt. Der Semiconductor Sektor sei laut seiner Analyse so überkauft wie seit rund zwanzig Jahren nicht mehr. Gefährlich werde eine solche Übertreibung, wenn sie mit Krediten finanziert sei. Grummes nennt Margin Levels von etwa 1,3 Billionen US Dollar. Margin bedeutet, dass Wertpapiere mit geliehenem Geld gekauft werden. Steigen die Kurse, verstärkt der Kredit die Gewinne. Fallen die Kurse, können Verluste schneller wachsen.

Aktienmärkte bleiben das größte Risiko
In einem solchen Stressfall könne ein Liquidity Crunch entstehen. Damit ist eine Phase gemeint, in der Marktteilnehmer schnell Geld beschaffen müssen und deshalb auch solide Vermögenswerte verkaufen. Grummes zufolge könnte Gold dann trotz langfristiger Stärken zeitweise unter Druck geraten. Ein Rückgang bis 3.500 US Dollar bliebe in einem solchen Szenario möglich.
Grummes erwartet damit keine einfache Entwicklung. Die Korrektur sei weit fortgeschritten, doch Silber, geopolitische Risiken, Zinserwartungen und überhitzte Aktienmärkte könnten weitere Schwankungen auslösen. Langfristig würden geopolitische Unsicherheit, Chinas Goldkäufe und der Wunsch nach Vermögenswerten ohne Gegenparteirisiko für Gold sprechen. Ob aus der Zone zwischen 4.250 und 4.400 US Dollar bereits ein belastbarer Boden entstünde, dürfte sich laut Grummes erst zeigen, wenn Silber stabiler würde und die Aktienmärkte ihre Überhitzung abbauten.